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DK170 - Wer kriegt die Klima-Keile?

Shownotes

DK170 - Wer kriegt die Klima-Keile?

Und: Welche Instrumente zur Lösung der Krise haben wir?

"Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.

In Folge 170 gibt es Keile. Keine Sorge, wir kriegen uns nicht die Haare und verprügeln auch niemanden. Aber das Konzept der “Klimakeile” ist ein interessanter Ansatz, um bei der Lösung der Klimakrise die richtigen Wege zu wählen. Was das genau ist, diskutieren wir in dieser Folge.

Wer den Podcast unterstützen will, kann das gerne tun: https://steadyhq.com/de/dasklima/ und https://www.paypal.me/florianfreistetter.

Was sind Klima-Keile?

Die Klimakrise ist ein vielfältiges Thema, aber im Zentrum steht eine entscheidende Frage: Wie können wir die globale Erwärmung begrenzen, idealerweise auf 1,5 Grad? Eine neue Studie mit dem Titel “Democratizing climate change mitigation pathways using modernized stabilization wedges” greift dafür das Konzept der sogenannten Klimakeile auf, das bereits 2004 mit der Arbeit bekannt wurde ([“Stabilization Wedges: Solving the Climate Problem for the Next 50 Years with Current Technologies”]https://doi.org/10.1126/science.1100103)), hier gibt’s ein pdf). Statt wie bisher vor allem komplexe Integrated Assessment Models zu verwenden, die Klima-, Energie- und sozioökonomische Modelle kombinieren, konzentriert sich der Ansatz auf konkrete einzelne Maßnahmen. Jeder „Keil“ steht dabei für eine bestimmte Form der Emissionsminderung und spart bis 2050 jährlich rund zwei Gigatonnen CO2-Äquivalente ein, also etwa vier Prozent der heutigen globalen Emissionen. Klimaschutz erscheint dadurch nicht mehr als abstrakte Emissionskurve, sondern als Bündel parallel laufender Lösungen. Nicht eine einzige Technologie soll die Krise lösen, sondern viele unterschiedliche Maßnahmen gemeinsam.

Wie so ein Klima-Keil aussieht, kann man sich in dieser Abbildung ansehen.

Die Studie identifiziert insgesamt 36 solcher Klimakeile, die sich auf fünf große Bereiche verteilen: saubere Stromerzeugung, Industrie und Brennstoffe, Verkehr, Gebäude sowie Landnutzung und Ernährung. Dazu gehören etwa der Ausbau von Wind-, Solar- und Kernenergie, Wasserstoff in der Stahlproduktion, Elektroautos, Wärmepumpen, weniger Lebensmittelverschwendung oder die Wiederaufforstung von Wäldern. Hier ist die vollständige Liste:

  • Windenergie ausbauen
  • Solarenergie ausbauen
  • Kernenergie ausbauen
  • Gas statt Kohle
  • Kohlekraftwerke mit CO2-Abscheidung (CCS)
  • Gaskraftwerke mit CO2-Abscheidung
  • Bioenergie mit CO2-Abscheidung (BECCS)
  • CO2-Abscheidung in Zementwerken
  • Wasserstoffbasierte Stahlproduktion
  • Elektrische Stahlproduktion
  • Emissionsarme Chemieproduktion
  • Grüner Wasserstoff
  • Methanemissionen aus Öl- und Gasförderung reduzieren
  • Fluorierte Kältemittel (HFCs) ersetzen oder zerstören
  • Direct Air Capture (CO2 direkt aus der Luft entfernen)
  • Effizientere Autos (weniger Kraftstoffverbrauch)
  • Elektroautos
  • Öffentliche Verkehrsmittel ausbauen
  • Aktive Mobilität (Rad, Fuss, etc.)
  • Nachhaltige Biokraftstoffe
  • Flugverkehr reduzieren
  • Güterverkehr dekarbonisieren
  • Gebäudedämmung verbessern
  • Wärmepumpen verbreiten
  • Saubere Kochherde statt traditioneller Biomasseherde
  • Fleischkonsum reduzieren
  • Lebensmittelverschwendung halbieren
  • Tropische Entwaldung reduzieren
  • Tropische Wälder wieder aufforsten
  • Temperierte Wälder wieder aufforsten
  • Bäume auf Ackerflächen (Agroforst)
  • Bäume auf Weideflächen
  • Bodenkohlenstoff in der Landwirtschaft erhöhen
  • Moore wiedervernässen
  • Entwässerung von Mooren stoppen
  • nachhaltiges Landmanagement zur Kohlenstoffbindung

Entscheidend ist dabei, dass nicht jede Maßnahme vollständig umgesetzt werden muss. Schon Teilfortschritte reichen aus, um einen einzelnen Keil zu erfüllen – etwa wenn ein Fünftel aller globalen Pkw-Kilometer elektrisch gefahren wird, die Hälfte der Stahlproduktion mit grünem Wasserstoff erfolgt oder Lebensmittelverschwendung weltweit halbiert wird. Laut Studie existieren derzeit ungefähr 17 umgesetzte Klimakeile, was auf einen Erwärmungspfad von etwa 2,5 Grad bis 2100 hinausläuft. Für das 1,5-Grad-Ziel wären etwa 20 zusätzliche Keile notwendig, also eine massive Verdoppelung der Klimaschutzanstrengungen. Gleichzeitig eröffnet der Ansatz enorme Flexibilität: Die Kombinationen möglicher Maßnahmen gehen in die Billionen, wodurch unterschiedliche gesellschaftliche Prioritäten, Akzeptanzfragen oder regionale Besonderheiten berücksichtigt werden könnten.

Allerdings gibt es auch deutliche Kritik. Der Energieökonom Stefan Vögele vom Forschungszentrum Jülich sieht den Ansatz vor allem als Kommunikationsinstrument und weniger als präzises Analysewerkzeug. Wichtige Faktoren wie Kosten, Rohstoffverfügbarkeit, geopolitische Risiken oder Wechselwirkungen zwischen einzelnen Maßnahmen würden kaum berücksichtigt. Wenn etwa Elektroautos und Wärmepumpen stark ausgebaut werden, steigt gleichzeitig der Strombedarf – was wiederum einen schnelleren Ausbau sauberer Energiequellen erfordert. Auch der Transformationsforscher Nico Bauer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hält die Logik der Klimakeile für problematisch. In klassischen Klimamodellen würden zunächst politische Rahmenbedingungen wie CO2-Preise oder Emissionsgrenzen festgelegt, aus denen sich dann bestimmte Technologien ergeben. Der Wedge-Ansatz dagegen liste Technologien auf, ohne zu erklären, welche politischen Entscheidungen ihre Umsetzung tatsächlich erzwingen würden. Ohne entsprechende Gesetze und Anreize könne die Wirkung vieler Maßnahmen weitgehend verpuffen. Zudem bleiben praktische Fragen offen: Wie realistisch ist die weltweite Nachrüstung von Kohlekraftwerken mit CO2-Abscheidung? Wie viel Fläche steht überhaupt für Aufforstung oder Energiepflanzen zur Verfügung? Und welche wirtschaftlichen Folgen hätte eine drastische Reduktion des Flugverkehrs?

Trotz dieser Kritik sehen viele Forschende im Konzept einen wertvollen Beitrag zur öffentlichen Debatte. Als exaktes Planungsinstrument ist es vielleicht zu simpel, als Kommunikationshilfe aber sehr wirkungsvoll. Die Studie macht sichtbar, wie groß die Herausforderung tatsächlich ist und wie viele unterschiedliche Hebel es gibt, um Emissionen zu reduzieren. Letztlich bestätigt sie etwas, das Klimaforschende seit Jahren betonen: Die technischen Lösungen für den Klimaschutz sind größtenteils bekannt. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, sie auch umzusetzen. Oder anders gesagt: Die Welt verfügt über genügend Klimakeile – ob sie genutzt werden, ist vor allem eine politische Frage.

Eine Zusammenfassung der Arbeit und der Kritik dazu findet man hier beim Science Media Center.

Der Artikel der Riffreporter ist hier zu finden.

Bücher

Das neue Buch von Florian heißt “Die Farben des Universums”.

Das neue Buch der Science Buster heißt "AUS! - Die Wissenschaft vom Ende" und erscheint im Hanser Verlag. Tickets und Infos für die Live Show gibt es unter sciencebusters.at Live Shows Tickets für die Sternengeschichten Live Tour 2025/2026 von Florian gibt es unter sternengeschichten.live.

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Florian könnt ihr in seinem Podcast “Sternengeschichten” zuhören, zum Beispiel hier: https://sternengeschichten.podigee.io/ oder bei Spotify - und überall sonst wo es Podcasts gibt. Außerdem ist er auch noch regelmäßig im Science Busters Podcast und bei WRINT Wissenschaft”-Podcast zu hören (den es ebenfalls bei Spotify gibt). Mit der Astronomin Ruth Grützbauch veröffentlicht er den Podcast “Das Universum”.

Claudia forscht und lehrt an der TH Köln rund um Wissenschaftskommunikation und Bibliotheken und plaudert im Twitch-Stream “Forschungstrom” ab und an über Wissenschaft.

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Transkript anzeigen

00:00:00: Start

00:00:29: Rückblick auf die letzte Folge

00:01:36: Was sind Klimakeile?

00:08:59: 36 Keile bis zur Rettung der Welt

00:15:06: Keil-Kritik

00:26:32: Vorschau auf die nächste Folge

00:27:46: Feedback und Kontakt

00:28:26: Outro und Outtake

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